Plagiat vs. Mord – ein Vergleich, der keiner ist

Das Thema ist jetzt erst mal wieder durch. Bis zum nächsten Mal.
Nach KTzG ist nun AS Opfer eines Plagiats geworden. In der letzten Woche, als die mediale Welle wieder am Abebben war, warf ein Schreiberling einer deutschen Zeitung noch einen Stein ins Wasser, wohl in der Hoffnung, die Angelegenheit noch mit seinem persönlichen Senf bekleckern zu dürfen. Meine Reaktion auf den Artikel lässt sich mit „Kopf > Schreibtisch“ umschreiben, ein Kollege auf Twitter verwies mit dem Zitat „Apple ist Schuld an Schavans Sturz“ auf die vom so-called „Journalisten“ ausgesponnene Verbindung von Erfindung des Computer mit der digitalen Aufdeckung der Täuschungen in Doktorarbeiten.
Im Artikel wurde die Frage aufgeworfen warum Plagiieren keine Verjährungsfrist hat. Er warf den Vergleich zu Mord auf.

Mehr als KTzG´s oder As´s Überführung durch die recherchebegeisterten Internetnutzer beschäftigte mich in dieser Woche die Frage „Ist ein falsch Doktor-Titel mit Mord gleichzusetzen?“

Der Titel als Qualifikation:
In unserer heutigen, wirtschaftlich durchorganisierten und leistungsorientieren Zeit, rüstet jeder, der ernsthaft Interesse an einer finanziell abgesicherten Zukunft hat, seinen Lebenslauf auf, als begebe er sich in einen Krieg mit dem Endgegner: dem Arbeitnehmer. Nur wer in seinem Lebenslauf Namen dropt, die Creme de la Creme von Unternehmen als Sprungbretter vorweist, mindestens ein Jahr im chinesisch-sprachigen Ausland ein Semester absolvierte, renommierte Unis besuchte und Bachelor und Master idealerweise zeitgleich durchprügelte kann sich sicher sein, sich den heiß begehrten Posten des Chief-Ashole im Battle gegenüber seinen anderen Wettbewerbern/Mitbewerbern unter den Nagel reißen zu können.

Doktor = Gott:
Meine Oma geht heute noch zum Doktor, wenn ihre Gesundheit zwickt. Dass dieser „Doktor“ überhaupt kein „Dr.“ ist, sondern „nur“ Allgemeinarzt, spielt keine Rolle für sie. Sie nennt ihn Doktor. Und zur Allgemeinärztin in der Nachbarschaft geht sie nicht.

Wir leben in Deutschland. In einem Land, wo man für alles einen Schein, idealerweise eine offizielle Dokumentation braucht, um seine Kompetenz und Qualifikation beweisen zu können. Ohne Schein kein Sein.

Jetzt stellen wir uns mal all jene vor, die sich durch bewusstes oder unbewusstes, vorsätzliches oder versehentliches Täuschen einen Titel organisiert haben. Was für ein genialer Universal-Schlüssel für die Türen von Politik und Wirtschaft! Neben der höheren Besoldungsstufe wirkt besonders im öffentlichen Erscheinen ein Doktortitel per se intelligenter, durchsetzungsfähiger und professioneller.

Ein Beispiel an uns selber:
Wir nehmen jetzt mal an, wir begegnen „Herrn Müller“ und „Dr. Müller“. Na? Wer von den beiden hat´s drauf?
Oder wir treffen „Frau Liebscher“ und „Dr. Liebscher“. Wer ist die Sekretärin? Wer ist die Forschungsleiterin?

Ich möchte nicht in der Haut des Herrn Müller und der Frau Liebscher stecken, die bei gleicher Qualifikation gegenüber einem falschen Herrn Dr. und einer falschen Frau Dr. den Job (und das Gehalt) nicht bekommt.

Ein Titel verschafft in unserer Gesellschaft einen Wettbewerbsvorteil im Kampf auf dem Arbeitsmarkt und im Rennen um Top-Positionen. Im Sport wird man disqualifiziert, wenn man trickst. Wir regen uns auf, wenn ein Sportler Doping-Drogen in seine Adern pumpt. Wir echauffieren uns, wenn jemand beim Rommé schummelt. Aber wir fragen uns wirklich, ob ein falscher Doktor-Titel so schlimm ist und prangern die neue Recherchekultur im Internet an? Geht´s noch?

Weil so ein falscher Doktor-Titel im Laufe eines Lebens ziemlich vielen Leuten finanziellen Schaden und persönliches Unglück zufügen kann, sollte die Aufklärung von Täuschung nie verjähren.

Den Vergleich mit Mord halte ich für irrelevant. Aber ich bin ja kein Journalist.

Leave a reply